Illusionen und der Glaube zu wissen

„Ich glaube nur das, was ich sehe!“ – Der Glaube zu wissen ist der größte Irrtum der Menschen!

Was ist überhaupt Glaube? Was ist dagegen Wissen? Und was ist dann eine Illusion? Bestimmt meinst Du, ganz gut beurteilen zu können, was Du erlebst und wahrnimmst, richtig? Du glaubst, Dich darin nicht zu täuschen, oder?

So wie Dir geht es wohl den meisten Menschen. Ihr „Wissen“ beruht auf ihren subjektiven Eindrücken und die halten sie meist für ziemlich unzweifelhaft und daher also für geradezu objektiv. Eher selten stellen wir doch in Frage, was wir denken, fühlen und wahrnehmen.

Wie nahe sind wir damit aber an der tatsächlichen Wahrheit? Wer kann das wirklich beurteilen? Manchmal fühlt sich das, was wir glauben, wie ein festes Wissen an. Und manches vermeintliche Wissen stellt sich bei näherer Betrachtung lediglich als eingebrannte Glaubenssätze heraus. Was aber bedeutet das für uns?

Der Mensch, ein kognitiv geprägtes Tier (?)

Die menschlichen Eigenschaften des Glaubens und Wissens sind kognitive Fähigkeiten, mit denen wir uns offenbar gegenüber den Tieren abheben. Wir können uns etwas vorstellen und Eindrücke wie auch Zusammenhänge verarbeiten und verstehen lernen. Das bedeutet ja auch das Wort „Intelligenz“, die man uns menschlichen Wesen im Besonderen zuschreibt.

Unsere kognitiven Vorstellungen prägen:

  • Die eigenen Einstellungen
  • Die Konstellationen der Begegnungen mit anderen, also mit unserem Gegenüber

Unsere Vorstellung nennen wir oft auch Imagination (Einbildung). Konkret bedeutet das, daß innerlich ein Bild entsteht, das wir uns vor Augen halten, damit wir es einerseits betrachten können. Andererseits steht es auch als Filter der Wahrnehmung wie eine Brille vor unserem Auge, so daß wir äußere Impulse durch diese Vorstellung verfärben. Erleben und betrachten wir Ereignisse also ständig mit einer ganz bestimmten Vorstellung, dann entsteht daraus eine eigene Einstellung, die sich als eine Verfestigung von Vorstellungen manifestiert.

Da wir unsere gesammelten Eindrücke durch unsere Vorstellungen reflektieren und bewerten, entstehen aus unseren so gewonnenen Einstellungen auch entsprechende Erwartungen. Eine Erwartung aber ist eine Haltung, die wir nach außen ausstrahlen. Ein Gegenüber kann dies spüren und wird darauf entsprechend reagieren. Begegnungen mit einem Gegenüber werden also völlig unbewußt durch diese Erwartungen manipuliert und mitbestimmt. Sind die Erwartungen förmlich zwingend stark, dann geschieht oft auch genau das, was wir erwarten. Tatsächlich konstellieren wir auf diese Weise selbst, was uns als Schicksal vermeintlich von außen zufliegt.

Was sind eigentlich Illusionen?

Illusion und Imagination (Einbildung) liegen nahe beieinander. Eine Illusion wird oft interpretiert als Inbegriff und Repräsentant menschlicher Irrtümer, in denen sich der Irrende selbst bestätigt und daher nicht mehr aus dem Irrtum selbst herausfindet. Illusion wird im Sprachgebrauch gleichwohl oft zur Täuschung degradiert, dem Vorgaukeln eines Scheins, der keine Wirklichkeit ist. Wer das gut kann, wird daher auch Illusionist genannt. In Wirklichkeit bedeutet Illusion aber viel mehr. Von lateinisch „illudere“ abgeleitet, bedeutet es nämlich „sich in etwas hineinspielen“.

Die perfekte Illusion entsteht dadurch, etwas so fest zu glauben, daß man es für Wissen bzw. Realität hält. Man tut dabei so, als wäre das wahr, was man sich vorstellt. So entsteht dann ein Szenario wie ein Theaterstück. Dort gibt es bekanntlich Dramen, Lustspiele wie auch Tragödien, ganz genauso wie in unserem Leben also. Die uns bekannten Theaterstücke sind ja letztlich auch nur ein Abbild dessen, was wir selbst in unseren realen Leben durchmachen. Wir spielen darin unsere Rolle mit voller Überzeugung und Inbrunst und geben uns so ganz intensiv dem jeweils gewählten Drama hin, so daß wir alle damit verbundenen Eindrücke auch völlig glaubwürdig wahrnehmen.

Offenbar sind Illusionen ein Phänomen, das ganz eng mit unseren menschlich kognitiven Eigenschaften zusammenhängt. Man kann durchaus behaupten, daß es völlig menschlich ist, sich Illusionen zu machen. Vermutlich dienen sie sogar einem besonderen Zweck, der uns Menschen gegeben ist. Wir schaffen uns durch unsere Illusionen die Rahmenbedingungen der Wahrnehmung und subjektiven Wirklichkeit, die uns die entsprechenden Impulse für unsere spezifische Reifung und Entwicklung liefern. Daher sagen die Buddhisten auch, daß unser ganzes Leben und unsere Existenz nur Illusionen seien.

Irre: Glaube durch Gebetsmühlen und das Anhaften an Wissen

Per Definition trennt sich Glaube von Wissen dadurch, daß man sich im Glauben etwas vorstellt, das nicht gewiß ist. Glaube ist also zugegebenermaßen im Grunde eine innere Haltung, die man trotz Unwissen bewahrt. Wissen dagegen ist Gewißheit. Die Frage ist dabei, ob es nicht zweierlei Wissen gibt, nämlich ein objektives oder auch im Sinne der Wissenschaft nachweisbares und reproduzierbares Wissen und ein subjektives oder auch nicht reproduzierbares weil individuell und einzigartiges Wissen.

Je stärker wir jedoch von unserem Wissen überzeugt sind und uns daran klammern, um so näher rücken wir dem Irrtum. Jemand mit einer solch selbstherrlichen Selbsteinschätzung gilt bekanntlich auch als „eingebildet“, eben weil er sich durch seine Haltung ein Bild imaginiert, das ihm seine ganz individuelle Illusion beschert. Ob wir aber tatsächlich wissen, können wir abgesehen von ein paar eindeutigen wissenschaftlichen Errungenschaften nicht wirklich sagen.

Wer sein Wissen überbewertet, verhält sich im Prinzip genauso verteidigend und abwehrend wie diejenigen, die sich nur auf das verlassen, was sie selbst sehen. Diese Haltung ist vielleicht noch irrer, obwohl sie gerade auf dem Versuch beruht, sich vor Irrtümern schützen zu wollen. Sie übersieht mehrere Fakten:

  • Die Beschränkung unserer Akzeptanz von Informationen auf subjektiv empfangene Eindrücke führt weder zu mehr Erkenntnis noch zu mehr gesichtertem Wissen.
  • Das Sehen ist die Wahrnehmung, die sich am besten täuschen läßt. Wer sich darauf verläßt, täuscht sich folglich selbst, denn er überschätzt seine Fähigkeit, zwischen Täuschung und Realität unterscheiden zu können.
  • Wer seine eigenen subjektiven Eindrücke über die aller anderen stellt, indem er nur seine eigenen erst nimmt, erhöht damit nicht den Schutz vor Täuschung. Er ersetzt damit höchstens die Täuschung von anderen durch die eigene Täuschung.

Wenn wir uns also weiter entwickeln und lernen wollen, werden wir die Unsicherheit von Wissen akzeptieren und verstehen müssen, daß wir uns alle viel mehr in ungewissem Glauben befinden. Das ist die Realität unseres Seins, wir kommen darum nicht herum. Allein auf uns selbst gestellt sind wir in unserer Illusion gefangen. Durch einen konstruktiven Austausch unserer Eindrücke und unseres Glaubens aber können wir uns gegeseitig zu mehr Verständnis führen. Diese Erkenntnis hilft uns, unsere Illusionen nach und nach zu durchschauen und aufzulösen.

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