Irren ist menschlich

„Der Einäugige ist König unter den Blinden.“

Was soll das heißen? Befinden sich nicht Wissenschaft, Religion, Politik und viele der in unserer Medienwelt hochgeschätzten Stars und Prominenten im Besitz von Recht, Wahrheit und Wissen? Und nehmen nicht viele Amts- und Würdenträger Recht und Wissen für sich in Anspruch? Wenn wir uns diesen anschließen und unterordnen, schließen wir dann nicht Irrtümer aus und sind somit quasi „auf der sicheren Seite“?

„Weiß ich denn etwa nicht genau, was ich denke, fühle und wahrnehme? Bin ich etwa nicht von so gesundem und klarem Verstand, daß ich ganz gut und fundiert beurteilen kann, was wahr oder falsch, gut oder böse ist? Doch, natürlich, ich bin doch nicht verrückt und irre!“ – Würdest Du nicht auch genau dieses von Dir behaupten?

Hierarchien machen Menschen irre

Egal in welchem Bereich, Beruf, Überlebenskampf, Freizeit und Familie, wir organisieren uns in Hierarchien und ordnen uns in diesen ein. Das liegt in unserer Natur und zahlreiche Menschen erheben sich so mittels Institutionen und Machtpositionen über ihre Mitmenschen. Dabei glauben sie sich der vermeintlich unter ihnen stehenden Masse gegenüber im Recht zu befinden und es besser zu wissen als diese. Das nehmen sie natürlich für den Themenbereich in Anspruch, der ihrer Position entspricht, oft aber auch für viele ganz andere Themen. Solcher Standesdünkel ist nur allzu menschlich, denn Überlegenheit fühlt sich ja auch ganz gut an. Das allerdings erklärt einiges, warum es zu weit verbreiteten Irrtümern unter den Menschen kommt.

In strengen Hierarchien gilt überall eine Hackordnung der Rechthaberei. Die Durchsetzung von Sichtweisen wie auch Entscheidungen sind vornehmlich vom Stand innerhalb der Hierarchie abhängig und nicht von der davon unabhängigen fachlichen Kompetenz. Vor nicht allzu langer Zeit galt es als Hochverrat oder auch Ketzerei, wenn man sich mit seinen eigenen Ansichten des Weltbildes gegen König und Kirche stellte, so daß man mit dem Tod dafür bezahlen mußte. In heutigen Hierarchien etwa in der Wirtschaft drohen einem Abmahnungen und Entlassungen, Repressionen, Verachtung und Isolation, wenn man sich nicht der Ziele, Werte und Meinungen seiner Führung anschließt sondern sich dagegen erhebt.

Wenn führende Gruppen und Personen in der Gesellschaft ihre Werte und Glaubenssätze vorgeben, dann geht es dabei meist nicht um Wahrheit sondern um Überlegenheit und die eigene Durchsetzung in einer allseits herrschenden Konkurrenz. Bei dieser Priorisierung sind freilich Irrtümer und Täuschungen erlaubt und tatsächlich häufig angewandt, ordnen sie sich doch einem höheren Ziel unter.

Begnadigung der Irren

Wenn das Irren eine allzu menschliche Eigenschaft ist, so fordert der Satz „Irren ist menschlich“ doch zu gegenseitigem Verständnis und allgemeiner Toleranz auf. Unsere Menschlichkeit wird dabei mit einer naturgegebenen Unvollkommenheit gleichgesetzt, die wir uns nicht als Schuld anlasten sollten. Zumindest appeliert dieser Satz daran, sich nicht gegenseitig für unser beschränktes Wissen zu verurteilen, denn darin sitzen wir alle in einem Boot und sind uns alle mehr oder weniger gleich.

Warum das so ist, daß wir Menschen uns alle mehr oder minder irren und buchstäblich auf Irrwegen gehen, läßt sich ganz einfach logisch erklären. Für uns Menschen alle gilt das Prinzip der Subjektivität. Das rührt von der Art unserer körperlichen Existenz hier auf Erden her. Diese ist so beschaffen, daß sie nicht von Anfang an alles bereits weiß, sondern im Laufe des Lebens Eindrücke und Erlebnisse als individuelles Subjekt sammeln soll, das von einer objektiven Wahrheit nicht wissen kann. Mit dieser gewaltigen Einschränkung, Informationen nur subjektiv innerhalb der Zeitspanne von einem Menschenleben sammeln zu können, befinden wir uns im Gegensatz zu einer geradezu unendlichen Informationsmenge des kosmischen Wissens, das über Millionen von Jahren kollektiv gesammelt wurde. Angesichts dieses Mißverhältnisses des Wissens hatte bereits im antiken Griechenland der Philosoph Sokrates gesagt: „Ich weiß, daß ich nichts weiß.“

Hinzu kommt, daß wir nicht nur stets Entscheidungen auf der Basis eines bestimmten Grads an Unwissen oder Irrtum treffen müssen. Wir sind zudem auch nicht in der Lage, in die Zukunft zu sehen, die Konsequenzen unserer Entscheidungen und den Ablauf von Prozessen und Entwicklungen deterministisch vorherzusehen. Das Leben verläuft nicht in einem Labor als Experiment unter Ausschluß von allen möglicherweise störenden Einflüssen. Die Einflußfaktoren auf unser Leben sind unabschätzbar viel und groß. Was die Möglichkeiten unserer Zukunft anbelangt, herrscht daher Chaos, das sich weder berechnen noch kontrollieren läßt. Wir müssen also tatsächlich alle auf einen ungewissen Weg in die Irre gehen und uns darin behutsam herumirrend langsam vortasten.

Ausblick auf typisch menschliches Irren

Wenn Irren also tatsächlich menschlich ist, wie ich hier zu belegen versuchte, dann stellt sich doch die nächste Frage, was wir eigentlich unter „menschlich“ verstehen. Wir könnten sagen, daß wir die Existenzform eines Tieres mit ein paar zusätzlichen Eigenschaften haben, nämlich der Verstandeskontrolle und der Reflexion. Was das bedeutet und bewirkt, darum geht es in weiteren Blogs zum Thema Irrtümer.

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