Traumpartner – Außen-Fassade / Innen-Wert

„… und dann kommt ein strahlender Prinz auf einem weißen Schimmel angeritten und überwindet alle Feinde und die Meter hohen Dornenbüsche um mich herum, nur um mich allein zu seiner Frau zu nehmen.“

Klingt wie im Märchen, nicht? Aber ist es nicht vielmehr eine Realität, nämlich in unseren Wunschträumen? Fühlen sich nicht viele Mädchen und Frauen wie verwunschene Prinzessinnen und sehnen sich nach so einem Prinzen , der sie entdeckt, wertschätzt und bis in alle Ewigkeit auf Händen trägt? Und wünschen sich nicht viele Jungen und Männer, von wunderschönen Prinzessinnen als strahlende Prinzen gesehen, bewundert und als einzige bereitwillig eingelassen zu werden?

Wie ist es mit Dir? Hast auch Du noch solche Träume und Hoffnungen? Oder bist Du schon durch Enttäuschungen desillusioniert und hast resigniert? Wie berührt Dich die Romantik einer solch märchenhaften Traum-Partnerschaft? Und was ist in Wirklichkeit dran an dieser Vision, Imagination oder vielleicht Illusion? Über die Hintergründe dieser Märchen-Bilder geht es hier weiter.

Durchschaut: Der Zweck der Traum-Partnerschaft

Der Prinz und glänzende Ritter auf dem prächtig weißen Schimmel und die Prinzessin im märchenhaften, weißen Brautkleid, die einander finden und die gegenseitige Treue schwören, ist das nicht zum Herz-Erweichen? Wie viele Frauen fangen bei solchen Darstellungen in romantischen Filmen nicht zu weinen an? Was hier aber offenbar die Gefühle vehement anspricht und zum Überfließen bringt, scheint gleichermaßen auch eine Gehirn-Erweichung zu bewirken. Ich meine das gar nicht polemisch sondern sehr nüchtern und realistisch. Warum?

Der verwirklichte Traum der idealen Partnerschaft bringt einem selbst ganz nüchtern betrachtet nur Vorteile. Dieser Glaube ist weit verbreitet und fest implementiert. Ein Wunder erfüllt sich dabei auf Erden, indem man mit allem beschenkt wird, was man sich nur wünschen kann. Mit der idealen Partnerschaft hat man schließlich bis ans Lebensende ausgesorgt, ohne daß man selbst einen Finger dafür krumm machen muß. Man ist ja Prinz oder Prinzessin nicht auf Grund von irgendwelchen Leistungen, Fähigkeiten und hart erarbeiteten Qualitäten, sondern schlicht und einfach auf Grund seiner Herkunft, zu der man selbst aber nichts beigetragen hat.

Die Traum-Partnerschaft hat einen ganz profanen Zweck für beide Seiten. Sie erhebt das jeweilige Gegenüber zu einem Idealtypen, von dem man selbst nur profitieren kann, wenn man ihn nur verläßlich an sich bindet und von sich abhängig macht. Der Idealtyp bringt dabei alles mit, was man sich wünscht, denn er ist der beste, er ist erfolgreich, er sorgt für einen und ist einem treu und blind ergeben. Es geht also schlicht und einfach um den Eigennutz durch die Partnerschaft. Aus der beidseitigen Eigennützigkeit entsteht durch die feste Bindung und Abhängigkeit voneinander eine gemeinsame „Uns-Nützigkeit“. Das sichert die Existenz, auf deren Grundlage Nachkommen entstehen können.

 

Äußere Fassade: So zeigen sich die Traum-Partner

Zwischen dem Anspruch unserer märchenhaften Traumwelt und der nüchternen Wirklichkeit klafft nun allerdings in der Regel eine scheinbar unüberwindbar große Lücke. Wir selbst sind nämlich als reale Persönlichkeiten keine Prinzen und Prinzessinnen sondern vielmehr Frösche, Schweinehirten, Gänsemägde und Aschenputtel, um weitere Märchenfiguren zu zitieren. Wie soll es da zu einer Traum-Partnerschaft kommen und wie werden wir selbst zum Idealtypen, der alle Konkurrent/inn/en überragt und dem die Herzen der Traum-Partner/innen zu Füßen liegen?

Bis wir uns in der Realität wahrhaftig zu den Idealtypen entwickeln, die auf dem freien Markt der Wunschträume erwartet werden, würden wir wohl alt und grau werden. Sehr viel wahrscheinlicher bräuchten die meisten von uns sogar noch viele Inkarnationen, bis sie einen solch idealen Zustand bereits in den entsprechend geforderten jungen Jahren erreichen könnten. Warum aber viele Leben warten müssen? Das ist doch völlig unbefriedigend! Wir leben „jetzt“ und für die meisten von uns gibt es in ihrer Vorstellung auch nur dieses eine „Jetzt-Leben“.

Gibt es da keinen Ausweg? Die Antwort ist schnell gefunden: Doch, es gibt einen Ausweg, nämlich durch Kosmetik und eine makellose Fassade. Was innen an Qualität fehlt, wird einfach außen doppelt aufgetragen. Prahlerei und offensive Selbstdarstellung sind das Mittel der Wahl, um seine potentiellen Partner zu blenden, indem man ihnen einen hohen Selbstwert vorgaukelt. Auch ohne bewußte Absichten wie der Werbung um Sexualpartner entspringt dieses Verhaltensmuster einer ungetrübten Selbstherrlichkeit.

In milderer Form gehört dazu auch das Erzählen von Anekdoten, lustigen Geschichten und spannenden Abenteuern, die man erlebt oder sich auch nur ausgedacht hat. Dadurch zieht der Erzähler Aufmerksamkeit und Interesse auf sich und erzeugt Vergnügen, gefolgt vielleicht von Bewunderung, Mitgefühl und der Lust auf mehr. Wer der Selbstdarstellung so wie ich aber generell mit einer ablehnenden Haltung gegenüber steht, dem fällt auch dieses schwer.

Der Egozentiker dagegen ist der Meister der Selbstdarstellung. Er ist von sich selbst so eingenommen, daß er alles unternimmt, wenn es nur ihm selbst nützt. Er wirbt daher mit seinem angeblichen Erfolg und seiner scheinbaren Großartigkeit um solche Partner, die eine profitable Partnerschaft suchen und ihm eben diese bieten. Er hält sich tatsächlich für den Prinzen bzw. die Prinzessin. Sein Getue der extrovertierten Werbung und Selbstüberbewertung stellt reine Lust, Leichtigkeit und Lebensfreude zur Schau. Diese Verlockung dient letztlich als Mittel zum Zweck der eigennützigen Partnerselektion.

 

Traum-Vorstellungen und ihre Wirkung auf unsere Werturteile

Mädchen wollen gerne Prinzessinnen und Jungen gerne Prinzen sein. Diese Figuren betonen Schönheit, Edelheit und Reinheit, vor allem aber eine herausragende Einzigartigkeit. Ganz kurz zusammengefaßt geht es hierbei um eine allzu einseitige und irreale Selbst-Überbewertung, wie sie unseren schönsten Träumen entspringt. Die Figuren zeigen lediglich die glänzend polierte, makellos weiße Fassade von Ideal-Typen, die so kein normaler Mensch vollständig verkörpern kann. In Wirklichkeit hat jeder Mensch auch Schattenseiten und Schwächen, die in dieser Märchen-Illusion aber völlig ausgeblendet werden.

In der Traum-Vorstellung geht es aber auch darum, Prinz/essinn/en als Partner zu bekommen. Dahinter verbirgt sich die Hoffnung, den besten aller Männer bzw. die beste aller Frauen für sich zu gewinnen, welche/r dem eigenen absoluten Idealbild entspricht. Erfüllt sich die Hoffnung, dann war man es wert, als Traum-Partner/in ausgewählt worden zu sein. Die eroberten Prinzen oder Prinzessinnen lassen einen dann selbst im Stand deresgleichen erscheinen. Durch die Traum-Partnerschaft wird man also selbst aufgewertet und idealistisch überhöht.

Hoffnungen auf Traum-Partner schüren aber auch einen großen Erwartungsdruck. Folglich verkaufen sich Männer als Prinzen und Frauen als Prinzessinnen, um auf einem hart umkämpften Beziehungsmarkt überhaupt eine Chance zu haben, als Partner erwählt zu werden. Ansonsten bekommst du zu hören, „du bist nicht mein Typ“. Es herrscht also ein knallharter Wettbewerb der Werbung und der bestimmende Wertmaßstab darin ist die erfolgreiche Selbstdarstellung. Welche Qualitäten hinter der Fassade stecken, spielt dabei zunächst keinerlei Rolle.

Der freie Markt bestimmt also den Wert, der sich als eine Verkaufsreklame der Selbstdarstellung entpuppt. Folglich wird die breite Masse dahingehend manipuliert, ihre Mitmenschen nur noch am Wert der äußeren Aufmachung ihrer Fassade zu beurteilen. Wer aus irgendwelchen Gründen keine solch blendende Fassade darstellen kann oder will (siehe den Blog „Kennenlernen – Ich bin anders, na und?“), der droht daher von der breiten Masse als minderwertig verurteilt zu werden. Wie in einem Rudel von Tieren werden dann äußerlich schwächere Individuen von ihren stärkeren Artgenossen ausgegrenzt, drangsaliert, dienen zur Belustigung oder werden gar totgebissen.

Sind das etwa die Wertmaßstäbe, die für uns Menschen Gültigkeit besitzen sollten? Oder glauben wir etwa immer noch, daß es einen eindeutigen Zusammenhang zwischen der Außendarstellung und dem tatsächlichen, inneren Wert gibt? Wer das tut, glaubt sinnbildlich immer noch an die Märchen vom Klapperstorch, der die Kinder bringt. Die Märchen wurden aber geschrieben, um uns einen Spiegel vorzuhalten, in dem wir uns selbst kennenlernen und uns damit von unseren Illusionen befreien können. Wir müssen nur noch lernen, die Märchen richtig zu deuten und zu verstehen.

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