Liebesbindung – Abhängigkeit

„Bin ich es wert, geliebt zu werden?“

Stellst Du Dir manchmal diese Frage? Oder stellst Du diese Frage vielmehr anderen? Auf wessen Antworten hörst Du? Wessen Urteil nimmst Du dazu an oder wessen Bestätigung erhoffst Du Dir? Hier ein paar der gängigsten Antworten:

  • mein Mann / meine Frau – Partner / Partnerin
  • meine Eltern, Vater und/oder Mutter
  • meine Kinder
  • meine Geschwister
  • mein Chef, mein Trainer, mein Coach, mein Guru, mein Mentor
  • meine Haustiere

Welche dieser Antworten könnten auf Dich zutreffen? Oder wer fällt Dir sonst noch ein? Welche Konsequenzen das hat, erfährst Du hier.

Liebe als Wertmaßstab und die fatalen Folgen

Wie paßt denn das zusammen? Doch eigentlich gar nicht, oder? Und dennoch unterliegen wir alle diesem Zusammenhang. Sich gegenseitig zu messen, ist nur allzu natürlich-menschlich. Und dieses Messen macht auch vor der Liebe nicht halt. Je mehr Bedeutung die Liebe hat, um so schwerer wiegt ihr Wertmaßstab. Und gemessen wird damit nichts Geringeres als der Selbstwert des Menschen.

Und so funktioniert es: In unserer existentiellen Welt geht es um Machtkämpfe, Durchsetzung, Erfolg, Sieg oder Niederlage. Menschen schätzen sich daher gegenseitig ab, indem sie sich abschätzig bewerten. Als Maßstäbe dafür werden besonders hohe, allgemein anerkannte Wertigkeiten herangezogen. Einer der höchsten Werte des existentiellen Lebens ist die Fortpflanzung, die durch die Auswahl wertiger Sexualpartnern zustande kommt. Sex wiederum wird gesellschaftlich durch „Liebe“ legitimiert oder damit sogar identifiziert. Somit wird der als hochwertig angesehen, der sich als begehrter Liebespartner selbst beweist und bestätigt.

Liebe und sexuelle Aktivität verkommen dadurch zum Statussymbol des Selbstwerts. Viele müssen sich ihren Selbstwert folglich durch „Liebe“ beweisen, indem sie ständig einen dauerhaften Partner oder aber ständig wechselnde Partnerinnen haben. Der „Marktwert“ als begehrter Sexualpartner ist dabei ausschlaggebend. Aber auch die Liebe von vertrauten und von einem abhängigen Wesen dient als Wertmaßstab, der einen aufbaut (siehe dazu den Blog „Reflexion und Blendung“). Diese äußerliche Bewertung des eigentlich inneren Wertes, was der Begriff „Selbstwert“ ja ausdrückt, führt zu schwerwiegenden Perversionen.

Wer etwa ständig mit Liebesbekundungen umschmeichelt wird, die er als Bestätigung seines Selbstwertes versteht, der stumpft allmählich ab. Der Stumpfsinn tritt ein, wenn man immer alles bekommt, was man haben will. Um so mehr sehnt man sich dann nach dem, was man nicht haben kann, bzw. man sehnt sich nach immer mehr. Stumpfsinn und grenzenlose Unersättlichkeit geben sich dabei die Hand. Wer ständig von Bewerbern umlagert und begehrt wird, der läuft folglich Gefahr, sich für besonders toll zu halten, einem egozentrischen Größenwahn entsprechend.

Wer sich selbst aber für besonders toll hält, der wird Zuwendungen von normalen, durchschnittlichen Mitmenschen gar nicht mehr richtig wertschätzen können. Das Selbstgefühl der Erhabenheit, auf Grund von zahlreichen Verehrern über der großen Masse seiner Mitmenschen zu stehen, schränkt den sehnsüchtigen Blick des eitlen Egozentrikers ein. Er fokussiert sich damit auf andere bewunderte Stars, die ebenfalls aus der Masse herausragen und für ihn dadurch zum Wertemaßstab seiner selbst werden. Die breite Masse sieht er folglich nur noch als Mittel zur Befriedigung seiner existentiellen Grundbedürfnisse.

 

Abhängigkeit des Selbstwerts von einer geliebten Person

Die existentielle Natur bringt aber noch eine weitere fatale Verkettung zwischen dem Selbstwert und der Liebe mit sich. Ein kleines Kind nämlich ist mit seiner Mutter in abhängiger Liebe verbunden. Es braucht die Mutter vor allem auch psychisch-mental und ist ihrem Wohlwollen daher schutzlos ausgeliefert. Die Mutter ist für das Kind der Übermensch, der definiert, ob das Kind lieb und damit wertvoll ist oder auch nicht. Für das Kind gibt es keinen Unterschied zwischen geliebt und wertvoll sein. Beide Eigenschaften fühlen sich für das Kind identisch an und das prägt sich folglich in unseren Wertevorstellungen nachhaltig ein.

Aus dieser Prägung resultiert dann auch später noch eine Abhängigkeit zwischen dem Selbstwertgefühl und der Wertschätzung, Aufmerksamkeit, Zuwendung und Liebe, die man von anderen erfährt. Verliebte ich mich in eine Frau, dann machte ich meinen Selbstwert von ihrem Wohlwollen abhängig und somit zum Spielball von ihren willkürlichen Launen und Bedürfnissen. Ihr Lächeln entfachte meine Hoffnung auf Nähe und Verbundenheit, die mich wertvoll erscheinen ließ. Ihr Desinteresse dagegen stürzte mich in Trauer und das Gefühl der Wertlosigkeit in meiner Einsamkeit, weil ich damit als ungewollt, lästig und unbrauchbar abgestempelt wurde.

Alle Versuche, das Wohlwollen einer begehrten Partnerin zu erzeugen, indem ich besonders freundlich, aufmerksam und höflich war, waren Manipulationen, die zu ihrer Bindung führen sollten, letztlich aber meine eigene Abhängigkeit erzeugten. Wenn ich meine wahren Gefühle verborgen und verheimlicht habe, um sie nicht zu verschrecken und zu vertreiben, versuchte ich letztlich nur meine sehnsuchtsvollen Hoffnungen und Illusionen einer möglichen Verbundenheit aufrecht zu erhalten. All das waren Täuschungen einer abhängigen Liebe.

Die abhängige Liebe erhebt die geliebte Person zum unfehlbaren Richter über den eigenen Selbstwert. Die Person wird damit heilig und unantastbar, weil eben blind und schutzlos geliebt. Ihr Urteil der Wertschätzung wie auch der Abwertung ist unantastbar. Das gleicht einer Vergötterung, wie der des „goldenen Kalbs“ in der biblischen Geschichte um Moses und das jüdische Volk.

 

Selbst-Befreiung aus der Abhängigkeit der Liebe

Das entsprechende Gebot der Selbst-Befreiung lautet in der Bibel: „Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine Götter neben mir haben!“. Mit diesem Herrn und Gott ist nicht mehr und nicht weniger gemeint als die eigene innere Instanz des Selbst (siehe C.G. Jung). Weder soll ich mich durch eine abhängige Liebe in die Unfreiheit der Definition meines Selbstwertes begeben noch durch Werte, die von den Massen der Gesellschaft diktiert werden.

Wie soll denn auch die Masse den Wert eines einzelnen Menschen schätzen können? Ihre Maßstäbe sind ja höchst zweifelhaft, nämlich vornehmlich auf den Eigennutz ausgerichtet. Aspekte wie Rücksicht und Mitgefühl spielen da kaum eine Rolle. Und wie soll ein anderer als ich selbst den eigenen Wert bemessen, wenn er einen ja doch nur von außen und somit nur partiell sehen und erkennen kann?

Der Selbstwert kann nur von mir selbst erkannt und geschätzt werden. Das ist die logische Konsequenz. Die Logik muß sich aber auch in den Gefühlen durchsetzen, sonst nützt sie nichts. Das bedeutet, von den Erwartungen an eine Wertschätzung durch andere, insbesondere auch geliebte Personen abzulassen. Folglich sollte ich auch lernen, von Hoffungen auf Liebe abzulassen, da mein Selbstwert meist insgeheim daran geknüpft ist.

Ich sollte also nicht erwarten, daß mich andere verstehen, nicht einmal diejenige Person, die ich liebe. Ich sollte mich selbst verstehen und mich selbst schätzen. Ich sollte selbst wissen, was für mich gut und richtig ist und was ich für einen Weg einschlage und mir darin selbst genügen. Dadurch erziele ich mit meinem Selbstwert Unabhängigkeit auch von der Person, die ich liebe.

Liebe braucht Freiheit, sonst kann sie nicht gedeihen. Diese Freiheit gilt es mir selbst zu gewähren wie auch der Person, die ich liebe. Das sind meine Schlußfolgerungen, die ich Dir nur ans Herz legen kann.

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