Selbst- oder Fremdbestimmung?

„Lebst Du schon selbst oder wirst Du noch gelebt?“

Wer oder was bestimmt eigentlich Dein Leben? Was würdest Du darauf antworten?:

  • meine Herkunftsfamilie: Mutter / Vater / Geschwister
  • meine eigene Familie: Mann / Frau / Kinder
  • mein Chef und/oder Arbeitgeber
  • mein Streben nach Gütern, Reichtum, Spaß und Vergnügen
  • mein Streben nach Liebe und/oder Anerkennung
  • mein Streben nach Sicherheit und eigener Familie

Wenn Du jetzt noch dazu notierst, wie stark Dich diese Personen oder Motive bestimmen, dann hast Du den ersten Schritt in Richtung Selbstbestimmung getan. Es dürfte sich für Dich auf jeden Fall lohnen, hier weiterzulesen.

Von Selbstbestimmung bis Eigenwillen

Bestimmung bedeutet eigentlich Festlegung und bezieht sich sowohl auf das Erkennen von Mustern und Eigenschaften als auch das Treffen von Entscheidungen. Selbstbestimmung beginnt gewöhnlich mit Selbstwahrnehmung, also einer bewußten Einschätzung unserer selbst. Wir können dabei auf die eigene Wahrnehmung und Bewertung setzen oder auf die anderer. Das hängt von der Stabilität und Autonomie des eigenen Standpunkts, von Selbstüberzeugung und Selbstsicherheit ab. Wer darin schwach ist, sucht eher nach Bewertungen und Bestätigungen durch andere und läßt sich davon leiten. Deren Urteile über uns bestimmen für uns dann vorwiegend unsere Orientierung, Ziele und Werte wie auch unseren Selbstwert. Dann sind wir gewissermaßen fremdbestimmt. Typisch ist dieser Zustand gerade auch für Kinder, die noch sehr von der Zuwendung und Bestätigung durch ihre Eltern und Geschwister abhängig sind.

Wenn wir aber selbstbestimmt leben, vertrauen wir im Unterschied zur Fremdbestimmung auf unsere eigenen Urteile und entscheiden für uns damit selbst, soweit es uns möglich ist. Häufig verlassen wir uns dann auch auf unsere Selbstwahrnehmung, wenn wir uns selbst einschätzen. Selbstbestimmtheit und Selbstwahrnehmung hängen also eng miteinander zusammen. Dafür bedarf es einer besonderen Kraft oder Eigenheit, sich selbst mehr zu vertrauen als seinem Umfeld und seinen Mitmenschen. Setzt sich diese Kraft durch, spricht man gerne vom Eigenwillen. Die eigenen Urteile und Entscheidungen werden dann mit einer Absolutheit vertreten, um sich selbst zu schützen und zu erhalten. Allein damit gelingt die Durchsetzung des eigenen Willens.

Was wir an der Dominanz eines selbstbestimmten und eigenwilligen Menschen erkennen, ist dann sein mehr oder weniger absolutäres Verhalten. Dieses basiert auf einer Absolutät in seiner Selbstdarstellung, die er nicht anzweifeln lassen möchte. In Wirklichkeit haben wir es dabei aber nur mit einer scheinbaren Absolutät zu tun. Lediglich durch die Selbstbewertung wird dabei nämlich eigenmächtig Absolutät postuliert und allen anderen Glauben gemacht. Tatsächlich aber gibt es diese Absolutät gar nicht. Absolutäre und autoritäre Personen wollen bei der Bestimmung des Seins nur den Ton angeben.

Schwindel der selbst bestimmten, absoluten Autorität

Alles von Menschen Gemachte, Erdachte, Gefühlte und Beurteilte kann nur als relativ gemessen und bewertet werden. Das resultiert aus dem Grundgesetz unserer individuellen Subjektivität. Objektivität als Eichmaß kann von keinem subjektiven Wesen erzeugt werden. Alles was wir bewerten und beurteilen, basiert daher auf gegenseitigen Bezügen und ist daher relativ (lateinisch für „bezogen auf“). Auch der selbstbestimmte, eigenwillige Mensch mit seinem Anspruch auf Absolutheit zeichnet sich durch Relativität aus. Er bezieht sich dabei vorwiegend auf sich selbst. Der starke Selbstbezug ist jedoch alles andere als absolut.

Selbstbezug drückt sich in eigenwilligen Bewertungen aus und trägt den Fachausdruck „Egozentrik“. Solche Bewertungen sind meist nicht einmal mehrheitsbasiert, wollte man das als ein gewisses Eichmaß anlegen. Daher berufen sich absolutäre Autoritäten (Egozentriker) gerne auf eine besondere Herausstellung ihres Selbst. Die wirkungsvollste und am wenigsten angreifbare Behauptung dafür ist die, von Gott auserwählt oder gesegnet, oder ein Gott ähnliches Wesen zu sein – natürlich im Unterschied zu allen anderen „Normalos“, versteht sich. Womit sie sich in den Vordergrund stellen, ist in der Realität ein eingebildeter Ich-Bezug. Dieser könnte entweder zum Selbst hergestellt werden, der gottähnlichen Seele, oder aber zum Ego, der weltlich geprägten Persönlichkeits-Identifikation. Was davon ist plausibel?

Das Bestreben des Ego ist seiner Natur gemäß, sich selbst aufzublähen und zu erhalten. Die Natur der göttlichen Seele aber ist keine des Vordrängens. Absolutäres und autoritäres Durchsetzungsgehabe entspricht in seiner Art also dem Ego und nicht dem Selbst. Somit erweist es sich als nicht von Gott bestimmt, sondern lediglich vom eigenen Ego getrieben. Dieser Widerspruch entlarvt alle selbst ernannten Absolutisten, denn sie behaupten etwas, das offensichtlich nicht ist. Dennoch gelingt es ihnen damit oft, zahlreiche Anhänger zu täuschen und so ihre Machtpositionen zu erringen und zu erhalten. Also: Obacht vor solchen Blendern!

Balance der Bestimmung zwischen dem Selbst und dem Fremden

Das Extrem der totalen Selbstbestimmtheit sind Menschen, die buchstäblich über Leichen gehen. Wer seine Bestimmung darin sieht, sich gegen alle anderen skrupellos durchzusetzen, fällt unter den Begriff der Soziopathie. Diese Form der Abspaltung von mitmenschlicher Verbundenheit, die auf normalem Mitgefühl füreinander basiert, wird als psychisch krank eingestuft.

Das andere Extrem der totalen Fremdbestimmtheit nennt der Psychologe auch Selbstlosigkeit. Selbstlose Menschen sehen ihre Bestimmung darin, sich selbst für andere völlig aufzugeben und von ihnen bestimmen zu lassen. Nur weil ganz viele und natürlich wir alle als Gemeinschaft gerade von solchen selbstlosen Menschen sehr profitieren, wird dieser Zustand nicht wirklich als krankhaft eingestuft. Im Grunde genommen ist er es jedoch wie jedes andere Extrem auch.

Nun mag man aber vielleicht einwenden, daß sich viele Menschen doch ganz aus freiem Willen und eigener Entscheidung selbstlos verhalten. Sie wählen damit doch ihre Bestimmung dieses Seins selbst. Zum anderen aber wird die Selbstlosigkeit als hochgeschätzter Wert in einigen Gesellschaften und von manchen Institutionen gepredigt und den Menschen aufgeschwatzt. Darin tun sich gerade autoritäre Personen hervor, die selbst gerne an der Spitze von Menschenmassen stehen und diese bestimmen. Gerade ihnen nützt eine Gefolgsschar von vielen Selbstlosen, ihre Machtposition zu erhalten und dabei selbst immer reicher und stärker zu werden. Selbst in der Kleinstgruppe eines Ehepaars profitiert der autoritäre, bestimmende Teil des Paars von einem selbstlosen Partner, den er problemlos ausnützen und für seine Zwecke einspannen kann.

Es ist nicht leicht zu erkennen, ob die eigene Einstellung zwischen autoritärem und selbstlosem Verhalten wirklich den eigenen Motiven entspricht. Vielen hat sich ihre Einstellung durch Anpassung an das Umfeld und dem Nachgeben gegenüber dem Druck anderer eingeprägt. Auch bei eigener Entscheidung dafür, nachzugeben und die äußeren Verhaltensmuster, Werte, Ziele und Einstellungen entgegen den eigenen inneren des Selbst für sich zu übernehmen, spricht man nicht mehr von Selbstbestimmung. Per Definition heißt das dann „Fremdbestimmung“. In unserer Wirklichkeit aber werden wir immer einen gewissen Kompromiß zwischen den Anforderungen von außen und den eigenen inneren Bedürfnissen schließen müssen. Es fragt sich nur stets, bis zu welchem Grad wir das tun und was wir dafür opfern. Die Kunst ist es, das überhaupt herauszufinden und die natürliche Selbsttäuschung dabei zu überwinden. Letztlich muß das jeder auch selbst für sich klären. Viel Glück dabei!

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ste

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