Selbsterkenntnis – oder auch nicht

„Zeige mir Deine Freunde und ich sage Dir, wer Du bist.“

Warum gibt es diesen Spruch? Und was drückt er aus? Warum sollte ich erst meine Freunde zeigen, um mein Wesen und meinen Charakter einschätzen zu lassen? Reicht es nicht, mich zu erleben und mir zuzuhören? Wird etwa an meiner Glaubwürdigkeit gezweifelt? Unerhört!

Ein ähnlicher Spruch lautet: „Nicht an ihren Worten, an ihren Taten/Früchten sollt ihr sie erkennen!“ Auch darin wird unserer Selbstdarstellung mißtraut. Stimmen denn unsere verbalen Äußerungen etwa nicht mit dem überein, wie wir sind? Aber halten wir denn nicht das, was wir nach außen zeigen, für unsere Identität, mit der wir uns auch identifizieren?

Der selbstbewußte Bayer etwa sagt ja: „I bin i und mir san mir!“ (Ich bin ich und wir sind wir). Er bekräftigt so mit voller Überzeugung seine Identität, genau das zu sein, wie er sich gibt, und dazu auch zu stehen. In der EDV kennt man das als „wysiwyg“-Prinzip (what you see is what you get). Aber widerspricht das nicht den Interpretationen oben? Ist der Mensch so? Wer hat nun Recht?

Identität, Herkunft und Typsache

Der Spruch über die Freunde eines Menschen als Abbild seiner Persönlichkeit stammt aus dem antiken Griechenland von mehr als 400 v.Chr. und wird dem damals bedeutendsten Dramatiker Euripides zugeschrieben. Der Spruch über die Diskrepanz zwischen Worten und Taten/Früchten eines Menschen hat den Ursprung im neuen Testament unter Johannes aus den ersten Jahrhunderten n.Chr.. Beide Sätze entspringen gereifter Lebensweisheiten, die auf tiefen kulturellen Fundamenten basieren. Der Ausspruch des stolzen Bayern stammt möglicherweise aus der Zeit seines Königreichs ab dem Anfang des 19. Jahrhunderts, mit dessen Eigenstaatlichkeit er sich damals vielleicht erstmals identifizieren und sich etwas darauf einbilden konnte.

Identität bedeutet eigentlich die Definition dessen, was ich bin oder wer ich bin. Das kann z.B. verstanden werden als die persönliche Herkunft, wenn man etwa sagt, ich bin der Sohn des Bauern Hinterhuber nebst Frau aus dem Landkreis Erding in Bayern, geboren am … . Wenn ich mich damit identifiziere, dann bin ich vielleicht auch stimmig mit dieser Beschreibung der Identität. Wer ich wirklich bin, bestimmt aber nicht nur die reine Herkunft. Längst folgen Kinder nicht einfach nur den Rollen ihrer Eltern nach und übernehmen damit deren Identität, die von Generation zu Generation vererbt wird.

Identität bedeutet auch eine Erkennbarkeit in sich selbst, nämlich wenn man mit seinen verschiedenen Aspekten des Seins identisch ist. Es bedeutet somit auch, daß die Art der eigenen Persönlichkeit deutlich und verlässlich ist. Bei einfach strukturierten Menschen scheint das kein Problem zu sein. Sie sind einfach wie sie sind, sowohl außen wie auch innen, bei Licht wie bei Schatten. Sie haben eine klare und eindeutige, durchgängige Identität, die sich leicht als Typ beschreiben läßt. Kennt man einen kleinen Teil dieses Typs, kann man bequem auf den ganzen Rest schließen. Es fällt dann auch nicht sonderlich schwer, sich als dieser Typ selbst wahrzunehmen und zu erkennen. Anders ist es, wenn man so zu sagen „vielschichtiger“ ist.

Erkenntnis – eigene und andere

Bleiben wir bei dem einfach strukturierten Typ, der in sich identisch ist. Er sucht sich als Freunde und Kumpane natürlich Gleichgesinnte. In einer ihm entsprechenden Gesellschaft findet er diese auch zahlreich. Vetternwirtschaft ist ein dabei gewachsener und geläufiger Begriff. Interessen, Ziele, Werte und Methoden der Vettern gleichen sich. Hier trifft die Feststellung zu, daß ein Ich mit dem Wir als äquivalent gesehen werden kann. Das Individuum geht quasi in der Gruppe der Gleichartigen auf. Kennt man einen, dann kennt man alle. Der Stolz des Individuums auf sich selbst ist somit gleichwohl lediglich eine Art Kultur der Sippenhaft. Der Spruch des Bayern könnte es also gar nicht besser auf den Punkt bringen.

Daß man von den Freunden und „Vettern“ auf das Individuum schließen kann, ist in so einer eindimensionalen Gesellschaft natürlich offensichtlich. Auch deren Auswirkungen sind eindeutig, etwa mit der Ausgrenzung andersartiger bzw. anderer, die nicht zum Eigennutz des Individuums oder der Vetterngruppe beitragen. Durch solche Taten und Früchte erkennt man das wahre Wesen dieser Menschen. Deutlich wird darin aber auch, daß eine individuelle „Eigenheit“ in so einer stark gleichgeschalteten Gruppe nahezu verschwindet.

Was jeder Einzelne von sich selbst behauptet und einem Gegenüber mitteilt, ist jedoch meist nicht durch Wahrhaftigkeit motiviert sondern vielmehr durch den Wunsch, im rechten Licht zu stehen, akzeptiert und wert geschätzt zu sein. Da dieses Bedürfnis Priorität hat, ist auf den Wahrheitsgehalt der individuellen Selbstdarstellung kein Verlaß. Das ist es, was die oben zitierten Sprüche an Erkenntnis mitteilen wollen. Erkennen kann man dies z.B. daran, wenn sich jemand innerhalb einer starken Gruppe Gleichgesinnter anders äußert, als wenn er sich alleinstehend erklären soll.

Schwieriger und interessanter wird es in weniger einstimmigen Gruppen. Für jedes Individuum entsteht darin die Herausforderung, sein persönliches Umfeld zu gestalten, das ihm nahe steht. Hat man die Wahl zwischen verschiedenen Stimmungen von Subgruppen, wird man sich naturgemäß die suchen, die einem selbst eher entspricht. Die Unzuverlässigkeit der Selbstdarstellung bleibt davon unbenommen. Daher kommt die Erkenntnis, daß man das Wesen eines Menschen anhand seiner Freunde bestimmen kann.

Ich Selbst – Erkenntnis und Täuschung

Jeder Mensch unterliegt zwei verschiedenen Motiven oder Haltungen, die ihn antreiben und bestimmen:

  • Loyalität zu sich selbst
  • Loyalität zu seinem sozialen Netzwerk (Familie, Sippe, Clan, Firma, Peergroup, …)

Mit Ausnahme der oben beschriebenen, idealtypischen Vetterngesellschaft ist das eigene Selbst des Individuums in vielen Fällen nicht mit seinem sozialen Netzwerk komplett deckungsgleich und konform. Daraus resultieren Interessenskonflikte zwischen dem sozialen Netz und dem Selbst. Werden diese größer, entsteht eine zunehmende innere Spannung, die gewöhnlich nicht gerade angenehm ist. Oft ergibt sich dann die Frage der Entscheidung, wem ich dienen soll, dem Einen oder dem Anderen.

Um den unangenehmen Spagat zwischen konkurrierenden Zielen besser ertragen zu können, wird oft eine Seite unserer Motive ausgeblendet und unterdrückt. Wir schützen uns bei dieser Ausblendung eigener Motive zugleich durch eine selektive Wahrnehmung und Bewertung, die auch als kognitive Dissonanz bekannt ist. Damit versucht unsere Psyche quasi, die in uns entstandene Verzerrung durch entsprechend verzerrte Wahrnehmungen gerade zu zerren. Wir täuschen uns also selbst, um unsere innere Zerissenheit besser aushalten zu können und darunter weniger leiden zu müssen.

Als Folge der uns eigenen Dissonanz ist es gar nicht so einfach, sich selbst wirklich zu erkennen. Die soeben erläuterte eigene selektive Wahrnehmung und Bewertung erklärt das sehr plausibel. Wenn wir uns nun einzuschätzen versuchen, erkennen wir häufig auch Diskrepanzen zwischen dem Eigenbild, wie wir uns selbst sehen, und dem Fremdbild, wie uns andere sehen. Natürlich nehmen ja alle anderen Menschen auch individuell geprägt selektiv wahr und bewerten entsprechend. Was stimmt dann also eher, Eigenbild oder Fremdbild? Das ist schwer zu beurteilen. Wer kann denn wirklich behaupten, im Recht zu sein? Und woran könnte man sich dabei orientieren? Wir tappen also alle mehr oder weniger im Dunkeln unserer verschiedenen Perspektiven. Wir können nur versuchen, uns gegenseitig dabei zu helfen, mehr Licht ins Dunkel der Selbsterkenntnis zu bringen.

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